Freitag, 19. Dezember 2014

Einbeinruderer und Stelzenhäuser


18.12.2014
Heute morgen ist es echt heftig! Um 04.20 Uhr schellt der Wekcer, und rumtrödeln ist nicht, schließlich müssen wir ja den Flieger kriegen. Um 5.00 Uhr bekommen wir sogar eine kleine Frühstücksauswahl, und um 5.30 Uhr sitzen wir im Bus Richtung Flughafen, wo wir um kurz nach 6.00 Uhr ankommen. So kümmert sich um alles, wir müssen ihm eigentlich nur hinterherlaufen. Was mich ein wenig nervös macht, dass unser Gepäck zwischenzeitlich völlig alleine in der Check-in-Halle rumsteht. Aber irgendwer kümmert sich angeblich um alles und so trotte ich hinterher. Es gibt hier anscheinend nur eine Abflughalle, und so werden wir alle mit verschiedenen Aufklebern versehen, je nach Flugziel. Auf dem Monitor ist der einzige Flieger, der nach Heho geht, um 11.00 Uhr angezeigt, und inzwischen ist es nach halb sieben. So hält ein kleines Nickerchen. Irgendwann kommt eine Durchsage und ein Mann gestikuliert irgendwas. Unser Zeichen, dass unser Flieger geht. Die Maschine von Bagan Airline ist klein, und als wir einsteigen, bekomme ich einen kleinen Schock: An beiden Fensterseiten hängen in regelmäßigen Abständen Weihnachtskugeln!!! Nächstes Jahr feiere ich Weihnachten definitiv zu Hause!. Wir sitzen alle in zwei Sitzreihen zusammen und der Flug ist recht angenehm und kurzweilig, es gibt sogar Getränke und ein kleines Frühstück. Dann kommt irgendwann eine Durchsage, der wir mehrmals „Mandalay“ entnehmen, und als wir (ganz sanft) gelandet sind, sehen wir „Mandalay Airport“. Tatsächlich wollten wir aber doch nach Heho, was mindestens 300 km von Mandalay entfernt liegt. Die meisten von uns sind schon im Begriff auszusteigen als So meint, wir sollten sitzen bleiben, da der Flug weiter geht! Also wieder rauf! Da kaum Leute dazugestiegen sind, breiten wir uns etwas aus, der Flug ist angenehm, bis wir in Turbulenzen geraten, die zwar kurz aber doch recht heftig sind und ich doch kurz an die nicht ganz so verkehrstauglichen Maschinen denken muss, über die ich hin und wieder gelesen habe… Wir kommen dann aber doch heil runter und um 10.00 Uhr sitzen wir in dem Bus, der uns zum Inle-See bringt. Hier ist es recht frisch und es scheint kurz vorher geregnet zu haben, am Himmel hängen dunkle Wolken. Die Fahrt durch die Hochebene des Shan-States dauert etwa eine Stunde zu der Stelle, an der wir alle  samt Gepäck in zwei Langboote umsteigen. Nach ein paar hundert Metern wird die Fahrt allerdings erstmal unterbrochen, da eins der Boote einen Motorschaden hat. Nachdem die vier in ein anderes Boot umgestiegen sind, geht es zügig weiter. Da der Fahrtwind ziemlich kalt ist, bin ich happy, dass ich meine dünne Daunenjacke griffbereit habe. Zunächst fahren wir einen Kanal entlang, dann erreichen wir eine größere Wasserfläche. Hier sehen wir das erste Mal die berühmten Einbeinruderer, die es nur hier am Inle-See gibt und die uns auch gleich ihre besondere Kunst demonstrieren.  Diese stehen am spitzen Ende ihres Langbootes, ein Bein um ein großes Ruder geschlungen, mit welchem sie das Boot vorwärts bewegen, aber gleichzeitig haben sie dadurch beide Hände frei zum  Fischen. Beeindruckend! Ich könnte vermutlich nicht mal stehen ohne runter zu fallen. Unser Hotel liegt ziemlich weit unten im See, so dass wir erst das Tagesprogramm erledigen. Wir besichtigen zuerst das „Kloster der springenden Katzen“. Das heißt so, weil hier früher die Mönche Katzen so dressiert haben, dass diese durch Reifen und so springen. Da dies nun unter Tierquälerei läuft, gibt es nur noch eine Handvoll Katzen, aber keine Kunststücke mehr. Das Kloster ist aus Teakholz erbaut und es gibt hier 66 Buddha-Figuren. Als wir dort sind, ist es gerade sehr leer, aber im hinteren Bereich reiht sich ein Souvenirstand an den nächsten, und alle Frauen begrüßen einen mit „Hello“ und ob man dies oder jenes kaufen will. Ich habe schon keine Lust mehr, freundlich „No, thank You“ zu sagen. Das nervt. Genau wie die Mädchen, die uns aus einem anderen Boot Wasserlilien reichen und gleichzeitig „Money“ sagen. Sie bekommen ihre Blumen wieder. Inzwischen haben die Temperaturen wieder annähernd mein Wohlfühllevel erreicht und ich kann zumindest die Daunenjacke weglassen. Wir schippern durch die „schwimmenden Gärten“, wo alles mögliche Gemüse (Tomaten, Kürbis, Gurken, etc.) angebaut werden. Inzwischen haben wir alle einen Bärenhunger. Wir essen in einem wunderschönen Restaurant auf dem See und sind dann gestärkt für die Nachmittags-Besichtigungstour. Zuerst besichtigen wir eine Seidenweberei, die Seide aus Lotusfaden verarbeiten. Sehr interessant, aber irgendwie kann man sich kaum vorstellen, wie einfach diese Leute leben. Für einen Longhi brauchen die ungefähr eine Woche zum Weben! Danach fahren wir zur Phaungdaw-Pagode. Wir hatten schon leichte Pagoden-Entzugserscheinungen. Diese hier ist wieder mal eine der besonders kitschigen Art. In der Mitte sind fünf Buddha-Figuren zu sehen, die zumindest mal welche waren, aber durch das ganze Blattgold, was diverse Gläubiger im Laufe der Jahre daraufgeklebt haben, nur noch Klumpen darstellen. Frauen dürfen diesen Bereich sowieso nicht betreten! Dann fahren wir noch ein Weilchen durch die Kanäle, die durch das künstlich angelegte „Festland“ hier entstanden  sind. Die Landschaft auf dem See ist herrlich, und die kleinen Dörfer mit einfachsten Häusern auf Stelzen irgendwie nett anzusehen. Obwohl sich keiner von uns vorstellen kann, so zu leben. Als letztes sehen wir noch bei einer Cheroot-Zigaretten-Manufaktur vorbei, wo einige Frauen in Sekundenschnelle die hier üblichen Cheroot-Zigaretten drehen. Diese bestehen neben (wenig) Tabak aus Zutaten wie getrockneten Holzstücken, Bananen, Nüssen, Tamarindensaft und Palmzucker, der Filter besteht aus getrockneten Maisblättern. Man bekommt die Zigaretten in verschiedenen Geschmacksrichtungen (Honey, Banana, Anis). Wir kaufen ein paar Zigaretten als Souveniers und dann fahren wir endlich zum Hotel („Golden Island Cottage“). Ein wunderschönes, auf Stelzen errichtetes Hotel, unser Bungalow liegt mit Blick zum See und wir können dort noch den Sonnenuntergang genießen. Herrlich! Allerdings stört der Lärm der Langboote, da diese alle mit lautstarken Motoren betrieben werden. Der eigentliche Luxus ist, dass wir zwei Stunden Zeit haben bis wir uns wieder im Hotelrestaurant zum Abendessen treffen. Das ist sehr gut, aber natürlich wesentlich teurer als die letzten Tage – aber immer noch günstiger als bei uns. Gegen 21.00 Uhr verschwinden dann alle auf ihre Zimmer. Manuela und ich trinken auf unserer Veranda noch ein Bierchen, genießen die Stille des Sees und rauchen eine Cheroot-Zigarette, einfach weil wir sie mal probieren wollen. Nun ja, die sind nicht so stark wie eine normale Zigarette, muss man aber auch nicht unbedingt regelmäßg rauchen. Unser Zimmer sieht aus wie aus Tausendundeiner Nacht, da irgendwer, während wir Abendessen waren, die Moskitonetze über unsere Betten ausgebreitet hat. Allerdings komme ich mir, als ich im Bett liege, ganz schnell vor, wie die Prinzessin auf der Erbse. Das Bett ist furchtbar hart und die Federn bohren sich in meine Rippen. Da es inzwischen schon recht kalt ist, liege ich unter zwei Wolldecken und habe meine Socken anbehalten. Trotzdem werde ich mitten in der Nacht halberfroren wach und ziehe noch meine Daunenjacke über.

  • Inle-See: (22 km lang, 10 km breit; max. 3 m tief) Der ganze See ist bewohnt und die Leute leben auf dem See in Häusern, die auf Pfählen stehen. Die Bewohner des Sees selbst nennen sich "Intha". Übersetzt bedeutet der Name "Kinder des Sees".

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