Montag, 22. Dezember 2014

Radeln in der Gegenwart


22.12.2014
Wir sind um 6.00 Uhr bereits auf, eine Viertelstunde vor dem Wecker. Das Frühstücksbuffet ist echt lecker, auch wenn ich so langsam meine Wurst und gescheites Brot vermisse. Um kurz nach 8.00 Uhr sind wir dann startklar für unsere Fahrradtour durch Mandalay. Diese führt zuerst an der Straße parallel zum Ayarwaddy entlang, dort, wo wir gestern langgelaufen sind. Heute Morgen im Tageslicht sieht man noch viel deutlicher, in welch erbärmlichen Zuständen die Leute hier leben. Diese sitzen bereits zum Frühstück am Straßenrand zusammen, und die Kinder grüßen uns genauso begeistert wie gestern Abend. Es ist schon schockierend, dieses Elend. Und trotzdem wirken die Menschen nicht elendig! Es ist anfangs noch etwas frisch, und dass ich in der ersten halben Stunde ins Schwitzen komme, liegt sicher nicht an den Temperaturen sondern eher an dem „anderen Verkehrssystem“. Hier fährt wirklich scheinbar jeder wie er will, LKW, Autos, Mopeds, ein paar wenige Fahrräder. Vor allem aber Mopeds. Gefühlte Hunderttausend! Da diese hier nur rund 500 Dollar kosten, kann sie sich nahezu jeder leisten. Und nahezu jeder scheint sich eines geleistet zu haben. Wenn man hier nicht selbst Moped fährt, dann hinten drauf, manchmal sogar zu dritt, und die Mädels im „Damensitz“. Überall wird gehupt und anfangs muss ich erstmal lernen, dass nicht ich gemeint bin, sondern dass man hier einfach hupt, ich glaube, man braucht hier nicht einmal einen Grund. Wenn ein Mopedfahrer abbiegen will, dann TUT er es, das kann dann auch schon mal eng werden, wenn man selbst geradeaus will, und überholt wird sowohl links als auch rechts, und es kann auch schon mal vorkommen, dass einem auf der eigenen Spur jemand entgegen kommt. In der ersten halben Stunde denke ich „Ich will einen Bus!“, aber irgendwie gewöhnt man sich daran, und es funktioniert, wenn man nicht zu ängstlich und verhalten fährt. Und: es macht Riesenspaß!!! Das ist einfach unglaublich! Und die Leute sind der Hammer, viele lachen, winken, rufen „Mingelaba“, freuen sich einfach. Das ist eine Riesengaudi und ich kriege das Grinsen zwischendurch nicht aus meinem Gesicht. Manchmal frage ich mich zwar, ob die Leute nur lachen weil sie so freundlich sind oder uns auslachen weil wir so dumm sind, uns auf Fahrrädern in den Verkehr zu stürzen, oder vielleicht sogar, weil sie uns so ihren Respekt mitteilen, dass wir genau das tun. Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen. Am Ende ist das auch völlig egal! Wir besichtigen erst den Mahandi-Tempel, danach geht es quer durch die Stadt zu einem Marionetten-Hersteller. Um dort hin zu kommen, fahren wir durch eine Gegend, die man durchaus als Slums bezeichnen darf. Aber auch hier treffen wir ausschließlich auf freundliche winkende und grüßende Menschen. Wir scheinen hier tatsächlich eine regelrechte Attraktion zu sein und eigentlich ist es viel zu schade, dass wir da einfach nur durch fahren. Hin und wieder halten wir vereinzelt um ein Foto zu schießen, und auch als ich einmal kurz die Gruppe aus den Augen verliere, fühle ich mich nicht unwohl. Die Menschen hier wollen einem nichts Böses! Das wäre in einigen Ecken Südamerikas anders, denke ich.  Die Armut, die man hier sieht, ist überwältigend, aber es herrscht hier auch eine wahnsinnige Lebendigkeit. Es ist irgendwie großartig, auch wenn sich das blöd anhört. Wir sind wie elektrisiert und So, unserem Reiseleiter, dankbar, dass er uns auch in solche Ecken der Stadt führt, denn nur so haben wir einen wirklichen Eindruck von den Menschen und dem Leben hier. Dann schauen wir uns jeweils in einer kleinen Manufaktur an, wie Marionetten, bzw. Blattgold hergestellt werden, interessant, aber für mich bei weitem nicht so spannend wie das Leben auf der Straße. Und da ich außerdem schon morgens mit Verspannungen und Kopfschmerzen aufgewacht bin, schalte ich dort bei den Erklärungen einfach mal ab. Dann geht es wieder weiter, wieder rein in den Verkehr, vorbei an Straßenhändlern, Garküchen, Frauen, die auf ihrem Kopf diverse Dinge balancieren. Zwischendurch komme ich mir vor wie vor 100 Jahren, allerdings passen die Millionen Mopeds nicht ins Bild. Zu Mittag essen wir in einem sehr sehr einfachen „Restaurant“, wo wir ein großartiges Buffet bekommen, was aus dem üblichen Essen des Shan-States besteht. All You can eat, und das für umgerechnet 3,50 €. Wahnsinn! Wir sehen uns noch einen Tempel an und die Pagode mit dem „größten Buch der Welt“, welches auf 729 Marmortafeln verewigt wurde. Ganz interessant, aber ich bin inzwischen echt durch, meine Kopfschmerzen sind schlimmer geworden, und so lasse ich mich von unserem Fahrradverleiher auf der Ladefläche eines Mini-LKw zurück ins Hotel bringen. Damit bin ich wohl bei einigen auch eine kleine Attraktion, viele grinsen mich an oder winken. Ich bin froh, ein bisschen Ruhe zu haben, lege mich ein wenig hin. Manuela und die anderen kommen etwa 1,5 Stunden später. Da heute keiner von uns Lust hat, nochmal raus auf die staubige Straße zu gehen, treffen wir uns im Hotelrestaurant zum Abendessen.



1 Kommentar:

  1. Liebe Heike,
    es ist toll, hier mal wieder Deinen Blog zu verfolgen. Ich bin mit Spannung jeden Tag dabei. Habe extra ein GMail-Konto angelegt, um hier etwas reinzuschreiben.
    Lieber Gruß vom Neu-Münchner Thomas

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